Warum deine OKRs wie ein Buzzword-Bingo aussehen

Stelle dir vor, ein Geschäftsführer beschließt, das Micro-Management aus dem Industriezeitalter durch moderne, KPI-gestützte Führung zu ersetzen. Das Schlagwort heißt Empowerment. Die Abteilungsleiter sollen mit ihren Teams ein OKR-Dashboard erarbeiten, das zeigt, wie jeder Bereich zu den Unternehmenszielen beiträgt. Deadline: in zwei Wochen.

Damit ist der Fehler schon gemacht, bevor jemand ein Objective formuliert hat. Empowerment per Terminvorgabe ist ungefähr so befreiend wie „Sei spontan!“ auf einer Einladung.

Kurz erklärt: Was sind OKRs?

OKR steht für Objectives and Key Results. Ein Objective beschreibt qualitativ, wo man hinwill. Drei bis fünf Key Results machen messbar, ob man dort ankommt. Die Methode stammt von Andy Grove bei Intel und wurde von John Doerr bei Google bekannt gemacht. Gearbeitet wird meist in Quartalen, und die Ziele dürfen bewusst ambitioniert sein: 70 % Zielerreichung gelten bei Stretch-Zielen als gutes Ergebnis. Der Unterschied zu KPIs: KPIs messen, ob der laufende Betrieb funktioniert. OKRs lenken den Fokus darauf, was sich verändern soll. Wer beides in ein Dashboard kippt, bekommt meist nur ein bunteres Dashboard.

Wie das Board dann entsteht

Jedes Team erarbeitet für sich seinen glorreichen Beitrag zu den Unternehmenszielen. Raus kommen Klassiker wie „irgendwas mit AI“, personalisierte Omnichannel-Customer-Experience und zehn Prozent mehr Neukunden.

Weil allen klar ist, dass Budgets eher schrumpfen, nimmt niemand ein neues Thema auf. Das darf aber nicht auffallen. Also wird das, was man ohnehin tut, umgetauft: Aus dem Newsletter wird die Lead Generation Engine, aus der Kampagnenplanung das Growth Excellence Program, aus dem Segmentierungsprojekt Cross-Channel Hyper-Personalization. Gleiche Arbeit, bessere Verpackung.

Zusätzliche Kapazität gibt es übrigens nicht, denn eigentlich müssen Stellen abgebaut werden. Ein findiger Abteilungsleiter ist trotzdem immer dabei. Er behandelt die Key-Results-Liste wie eine Not-to-do-Liste: Erst eine Salve Buzzwords aufs Board feuern, dann alles durchstreichen mit dem Hinweis „Machbar mit 1,73 Mio. Euro zusätzlich“. Das ist unterm Strich die ehrlichste Zeile auf dem ganzen Board.

Vor der Präsentation beim Top-Management stecken die Abteilungen noch einmal die Köpfe zusammen. Hauptkriterium für die Qualität ist die sog. „Keyword Density“, die Keyword-Dichte. Man kennt sie sonst aus der Suchmaschinenoptimierung, hier optimiert man auf die Aufmerksamkeit der Chefs.

Kritisch wird es erst, wenn dreimal „Personalisierung“ und fünfmal „1st-Party-Datenstrategie“ auf dem Board stehen. Die naheliegende Lösung: Man benennt das Thema in allen Teams kurzerhand um, oder man streicht es ganz. Beides hat denselben Grund. Niemand soll auf die Idee kommen, dass Themen mehrfach besetzt, Rollen doppelt vergeben und Strukturen ineffizient sind.

Schade eigentlich, denn genau das hätte man jetzt aufräumen können.

Das Board verrät mehr, als ihm lieb ist

Dreimal Personalisierung auf einem Board ist kein Formulierungsproblem. Es ist ein Befund über die Organisation. Das Dashboard zeigt nicht, wie gut die Strategie ist, sondern wie viel Vertrauen zwischen den Abteilungen herrscht, ob Doppelarbeit erlaubt ist, und ob man ehrlich sagen darf, dass Maßnahmen eingestellt werden.

Der Ansatz ist nicht das Problem

OKRs scheitern selten an der Methode. Sie scheitern daran, dass aus „Objectives and Key Results“ in der Praxis oft ein „Ohne Klare Rahmenbedingungen“ wird.

Es sind vor allem drei Bedingungen, die den Unterschied machen:

Zeit

OKRs entstehen im Gespräch zwischen Teams und Führung, nicht in zwei Wochen Pflichtübung. Wäre die Geschäftsführung beim Entstehen dabei gewesen, wären Doppelungen und unklare Verantwortlichkeiten schon am Whiteboard aufgefallen, nicht erst in der Präsentation. Aber das braucht eben Zeit.

Echte Priorisierung

Wer Fokus will, braucht Budget für die wichtigen Themen und die Bereitschaft, andere Dinge zu pausieren oder zu beenden. Ein OKR-Board, auf dem nichts wegfällt, ist eine verlängerte To-do-Liste mit Corporate-Design.

Erlaubnis, über Bereichsgrenzen zu denken

Wenn jede Abteilung nur ihren eigenen Beitrag verteidigt, hat man am Ende Silos mit besserer Grafik.

AI generated

Fazit

Ein OKR-Board ist ein Spiegel. Wer nicht hineinschauen will, sollte ihn nicht aufhängen.

Du hältst das für überzogen? Ich habe es genauso erlebt, und nicht nur einmal. Genau deshalb unterstütze ich heute Organisationen dabei, aus solchen Boards echte Prioritäten zu machen: mit klaren Zuständigkeiten, ehrlicher Budgetlogik und dem Mut, Dinge auch mal wegzulassen.

Ich kenne die internen Widerstände großer Konzerne, den Pragmatismus eines Start-ups und den Blick eines Software-Anbieters. Diese drei Perspektiven bringe ich mit, wenn es um Operating Model, OKR-Prozesse und nachhaltige Transformation geht.

Steht bei dir gerade ein OKR-Zyklus an, oder ist das Board unter der Last der Buzzword-Dichte bereits von der Wand gefallen? Schreib mir eine kurze Nachricht. In einem 30-minütigen Gespräch finden wir heraus, wo die Hebel in deiner Organisation liegen. Ganz ohne Bingo-Karte.


Diese 3 Einflussfaktoren werden das Marketing in den nächsten 5 Jahren besonders prägen

Ich weiß nicht, ob du das auch kennst, aber oft hat Marketing den Ruf der „bunten Bildchen Bastler“, alles scheint subjektiv zu sein und Marketing kann doch wirklich jeder, oder? Kein Vorstand käme je auf die Idee, sich den Software-Code für die neue App nochmal anzusehen, bevor er live geht, aber die Marketing Kampagne möchte er/sie bitte freigeben. Dabei übersehen viele aber, wieviel Hirnschmalz im „Backend“ einer Kampagne stecken kann, sei es durch den Einsatz intelligenter SaaS Lösungen oder durch die ausgefeilten Datenkonzepte für das Targeting der Nutzer. Ich möchte daher die aus meiner Sicht 3 wichtigsten Einflussgrößen skizzieren, die das Marketing in den kommenden 5 Jahren besonders prägen werden und damit dann hoffentlich endgültig mit den Vorurteilen dieses Fachbereichs aufräumen.

1. Marketing wird zunehmend technischer

Vielleicht erinnerst du dich noch an die Zeiten, als du neben dem Produktkatalog auch noch einen Flyer produziert hast und deine Kampagne ihre Krönung bereits darin fand, dass ein persönliches Mailing an deine Kunden herausging, gepaart mit einem Radiospot, der landesweit dazu lief. Dann kam die Website dazu und plötzlich musstest du dich mit Themen wie Content Management Systemen, SEO und Newslettern auseinandersetzen, gefolgt von Mobile First Ansätzen, Apps, Social Media Tool Boxes etc. Waren es 2011 noch ca. 150 Anbieter für Marketing-Technologien, sind es heute knapp 10.000 sog. Martech-Lösungen, Tendenz stark steigend.

Source: chiefmartec.com Martech Landscape 2011-2020

Was bedeutet das für das Marketing?

Klar, zunächst mal bieten so viele Lösungen eine ganze Menge neuer Möglichkeiten, vorausgesetzt man ist in der Lage, diese Software-Angebote entsprechend zu nutzen und zu benutzen. Das CMS wird ggf. ergänzt um ein PIM und CDN, integriert den Shop via Webservices, füttert das Tracking mit Daten, welches dann die Daten in die CDP einspeist, in der wiederum die Audiences gebaut und über das Marketing Automation Tool ausgespielt werden. Darüber hinaus ist mit der CDP auch das CMS oder eine DCO verknüpft. Der Shop ist wiederum mit einem ERP- und einem Fullfilment-System verbunden usw. Dieser kleine Auszug von willkürlich erscheinenden Abkürzungen zeigt bereits, wie viele Systeme ich in einer Marketing-Software-Architektur ggf. berücksichtigen muss.

Ohne einen sog. Martech-Architekten ist das kaum leistbar.

Dazu kommen die Technologie-Experten, die wiederum in der Lage sein müssen, die Tools entsprechend auch aufzusetzen, zu bedienen und zu verwalten. Für gewöhnlich käme jetzt der Einspruch, dass das meistens reine SaaS Anbieter sind (SaaS = Software as a Service), die jeder bedienen kann. Und ja, auf viele Tools trifft das sicherlich zu. Aber die Implementierung einer Marketing Automation Lösung, die Planung einer Headless CMS-Architektur, die Konfiguration eines CRM-Systems oder die Einführung einer Customer Data Platform sind ohne eine technische Marketing Rolle nicht möglich.

Ich höre jetzt den einen oder anderen Geschäftsführer protestieren, dafür habe man ja schließlich eine IT aufgebaut. Und ja, sicherlich ist hier eine enge Verzahnung sinnvoll, bspw. um Schnittstellen zwischen den SaaS Lösungen mit selbstentwickelten On-Premise Lösungen aufzubauen oder ähnliches. Aber ein IT-Spezialist für SAP ERP wird hier leider nur bedingt helfen können. Gefragt sind technische Fachexperten, die sich im stetig wachsenden Kosmos von Marketing- und Sales-lastigen SaaS Lösungen auskennen und wissen, wie sie diese zu einer performanten und zugleich flexiblen Architektur unter Berücksichtigung der bestehen IT-Infrastruktur eines Unternehmens verknüpfen.

Ich kann dir heute noch nicht sagen, welche neuen Wahnsinns-Tools es in 5 Jahren in der Marketing-Szene gibt, aber eines kann ich dir versprechen: Ohne die neue Rolle eines technischer Marketers und einer schlagkräftigen Martech-Truppe werden die kommenden Jahre eine echte Herausforderung.

2. Marketing wird zunehmend datengetriebener

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder neue Begriffe und Trends, um die Bedeutung von Daten im Marketing zu betonen. Egal ob Big Data, Data Lake, Predictive Audiences, AI-based Personalization, Clean-Rooms oder Next best Action – auch wenn jeder etwas anderes darunter versteht, sind sich doch alle darüber einig:

Daten werden im Marketing zunehmend wichtiger.

Klar, Daten sind auch im Marketing nicht neu. Marktforschung gibt es schon lange, egal ob es um Brand-Awareness oder -Perception Studien geht. Kunden-Segmente werden im CRM schon lange gebildet und Reports der Tracking-Daten oder Social Media Reports sind auch nicht neu. Neu ist aber die zunehmende Professionalisierung in diesem Bereich und die Vernetzung von bisherigen Daten-Silos zu einem 360° Kunden-Profil. Tracking-Daten werden zunehmend umfassender, Customer Data Plattformen oder Data Lakes ermöglichen zudem die Zusammenführung von Echtzeit-Daten aus der Online-welt mit den Daten aus dem CRM-System oder der IoT Nutzungs-Daten. Audiences und damit das Targeting werden immer präziser und dank der Data-Analysten können immer bessere Vorhersagen für die Next Best Action getroffen werden. BI- und AI-Spezialisten modellieren die optimale Audience auf Basis von Daten-Variablen, auf die man als Normalsterblicher nie gekommen wäre.

Das Spiel gewinnt aber sicherlich niemand, der die meisten Daten sammelt. Die hohe Kunst besteht in der Vernetzung und Verwertung dieser Daten.

Daten sind kein Selbstzweck, sondern dienen einem höheren Ziel: Mehr Effizienz, Mehr Kundenzufriedenheit, gezielte Kundenansprache zur richtigen Zeit am richtigen Ort usw. Und genau das geht nur, wenn es gelingt, Daten-Silos aufzubrechen und die daraus generierten Erkenntnisse über alle Kunden-Touchpoints hinweg nutzbar zu machen.

Das Schreckgespenst „Cookieless Future“ oder das „Sterben der 3rd Party Cookies“ leisten ebenfalls ihren Beitrag zur Bedeutung von Daten, im speziellen Fall für 1s Party Daten. Wenn deine Facebook Pixel nicht mehr in der Lage sind, deine Besucher zielgenau zu re-targeten, dann brauchst du einen Plan B. 1st Party Daten, neue ID-Konzepte und Server-seitige Integrationen der Kommunikationskanäle werden dann zum Schlüssel für deine Wettbewerbsfähigkeit.

3. Marketing-Organisationen werden zunehmend komplexer

Wie sieht bei dir und deinem Team die typische Kampagnenplanung aus? Ich kann natürlich nicht für alle sprechen, aber ist das nicht oft so, dass man sich zusammensetzt, es wird ein Ziel ausgegeben, man einigt sich auf die Eck-Feiler der Kommunikation und dann waltet jedes Team-Mitglied seines Amtes und setzt die Maßnahme in seinem Zuständigkeitsbereich um? Die Social Media Experten setzen die Kommunikation in den Media Channels auf, die CMS-Verantwortlichen planen das Webspecial usw. Ich bin fest davon überzeugt, wenn du an die ersten beiden von mir benannten Trends glaubst, wird das Marketing der Zukunft so nicht mehr funktionieren.

Wenn du Technologie-Landschaften hast, die zunehmend auf Vernetzung ausgelegt sind und du hast Datenflüsse, die möglichst Journey-übergreifend fließen sollen, dann musst du über gewisse Knotenpunkte in deiner Planung, deinen Prozessen und deiner Architektur nachdenken, die die Kommunikation orchestrieren.

Wenn der Nutzer via Social Media konvertiert ist, willst du ihn nicht auf allen anderen Kanälen immer noch mit der alten Nachricht nerven, sondern möchtest ggf., dass der Newsletter bereits das Folge-Angebot für ihn bereit hält etc. Mit der Frage nach der Vernetzung der Kommunikations-Maßnahmen folgt automatisch die Frage, welche Software-Lösungen du ggf. noch in deiner Marketing-Architektur benötigst und welche weiteren Datenquellen du dafür erschließen musst.

Eine Frage wird bei alle dem aber unbeantwortet bleiben und ich garantiere dir, die Antwort darauf wird nicht immer einfach werden: Wer verwaltet eigentlich diese Knotenpunkte in deiner Marketing-Architektur? Wer ist für die Audiences oder die Software zuständig, wenn du CRM und Tracking Daten kombinierst und daraus Audiences bildest? Ist das Aftersales, Sales oder doch Marketing? Und wer ist für die Audiences und Kampagnen verantwortlich, wenn ein zentral bereit gestellter Audience-Orchestrator Kanäle wie TikTok, DV360 und den Newsletter bespielt? … Spontan kommt dir ggf. die Antwort, das muss doch der Marketing Leiter oder die Marketing Direktorin als Strategiegeber sein. Aber die kümmern sich in der Regel nicht um den operativen Betrieb vernetzter Martech-Architekturen.

Was du künftig dringend brauchen wirst ist eine Art Journey Manager, der die strategische Vorgabe und Ausrichtung einer Kampagne im operativen Doing umsetzt und verwaltet.

Aber diese vergleichsweise neue und bislang wenig etablierte Marketing-Rolle hat ein großes Problem: Die Rolle ist neu, die Rolle ist meist nicht klar definiert und die Rolle hat keine Governance. Das heißt praktisch: die Rolle ist aktuell rein von dem Wohlwollen der etablierten Marketing-Bereiche abhängig, was die Mission so zum Scheitern verurteilen wird. Denn keiner gibt freiwillig Kontrolle auf.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Marketing-Organisationen der Zukunft primär um diese Rolle herum gebaut werden müssen. In der Übergangsphase wird das für die neuen Journey Manager aber ein Klinkenputzen, Lobbyarbeit und ein Trial and Error innerhalb ihrer Organisation werden.

Fazit

Ich bin kein Prophet und natürlich ist das eine subjektive Einzelmeinung von mir, die ich aus meiner beruflichen Erfahrung ableite. Aber die beschriebenen Trends sind auch heute schon spürbar. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie die kommenden Jahre deutlich an Intensität und Geschwindigkeit zunehmen werden.

Ein Punkt, den ich aus Rücksicht auf die Leser mal ausgespart habe, sei hier abschließend noch zumindest erwähnt: Mit der zunehmenden Software-Lastigkeit und der organisatorischen Komplexität durch die Vernetzung der Maßnahmen wird das Marketing der Zukunft nicht drum herumkommen, sich neue Kollaborationsmodelle zu überlegen. Ich empfehle jedem Marketer, sich am besten schon mal mit Confluence und Jira vertraut zu machen. Die Software-Entwicklung hat es dank agiler Methoden geschafft, die Komplexität der (fr)agilen digitalen Welt in den Griff zu bekommen. Wieso sollte das nicht auch in einer von Software, Daten und Abhängigkeiten geprägten neuen Marketing-Welt funktionieren?